Es gibt Tage, an denen man die Anspannung der Welt nicht nur in den Nachrichten liest. Man kann sie fühlen.
Ich gehe durch die Natur und sehe Bäume, die unter der Hitze leiden. Die langen Wochen der Trockenheit haben ihre Spuren hinterlassen. Nadelbäume verströmen Harze und Düfte – biologische Stressreaktionen. Brennnesseln verlieren ihre Kraft, ihre unteren Blätter werden gelb. Der ersehnte Regen kommt, aber viel zu spät und viel zu wenig. Die Landschaft atmet auf – und doch bleibt der Eindruck: Die Natur steht unter Druck.
Wer sich mit ihr verbunden fühlt, spürt diesen Druck.
Gleichzeitig erreichen uns täglich Nachrichten von Unternehmen, die wirtschaftlich an ihre Grenzen geraten. Aufträge bleiben aus. Arbeitsplätze geraten ins Wanken. Existenzen werden unsicher. Hinter jeder Schlagzeile stehen Menschen – mit Verantwortung, Familien, Hoffnungen und Ängsten.
Darüber wird jedoch selten gesprochen.
Über Geld spricht man nicht. Über Existenzängste noch viel weniger.
Und doch begegnen sie uns überall. Sie begleiten Menschen in den Schlaf und wachen morgens mit ihnen wieder auf. Dauerhafter Stress verändert nicht nur unsere Gedanken. Er verändert unseren Körper, unsere Beziehungen, unsere Gesundheit und schließlich auch unseren Blick auf die Zukunft.
Gerade in diesen Tagen musste ich an eine Geschichte denken, die erstaunlich aktuell erscheint.
Das Wunder von Wörgl
Während der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre galt die österreichische Gemeinde Wörgl wirtschaftlich als nahezu handlungsunfähig. Arbeitslosigkeit, fehlendes Geld und Stillstand bestimmten den Alltag.
Ein Finanzfachmann soll damals sinngemäß gesagt haben:
„Wörgl existiert finanziell eigentlich nicht mehr.“
Doch der damalige Bürgermeister Michael Unterguggenberger antwortete mit einem völlig anderen Blick auf die Situation.
Sinngemäß sagte er:
„Aber die Menschen sind doch noch da.“
Dieser Satz berührt mich bis heute.
Denn tatsächlich war nichts von dem verschwunden, was eine Gesellschaft eigentlich ausmacht.
Die Menschen waren da.
Ihre Fähigkeiten waren da.
Ihre Erfahrung war da.
Ihre Kreativität war da.
Und auch die Aufgaben waren da: Straßen mussten gebaut, Gebäude erhalten, Arbeiten erledigt und Zukunft gestaltet werden.
Es fehlte nicht an Können.
Es fehlte nicht an Ideen.
Es fehlte lediglich an Liquidität.
Gemeinsam mit den Ideen des Geldreformers Silvio Gesell führte Wörgl ein lokales Freigeld ein. Dieses sogenannte Schwundgeld sollte den Geldumlauf fördern und Investitionen ermöglichen. Innerhalb kurzer Zeit wurden öffentliche Projekte umgesetzt, Arbeitsplätze geschaffen und die lokale Wirtschaft belebt. Das Experiment erregte internationale Aufmerksamkeit, wurde jedoch später durch den österreichischen Verfassungsgerichtshof beendet, weil das Recht zur Geldausgabe ausschließlich der Nationalbank zustand.
Unabhängig davon, wie man das damalige Modell heute wirtschaftlich bewertet, bleibt für mich eine Erkenntnis bestehen:
Der eigentliche Reichtum einer Gesellschaft sind ihre Menschen.
Vielleicht fehlt nicht das Können
Wenn ich heute durch Unternehmen gehe, sehe ich genau das.
Ich sehe engagierte Mitarbeiter.
Ich sehe Unternehmer mit Ideen.
Ich sehe Fachwissen.
Ich sehe Innovationskraft.
Ich sehe Menschen, die gestalten wollen.
Und gleichzeitig erleben viele das Gefühl, ständig gegen wirtschaftliche Zwänge anzukämpfen.
Natürlich brauchen Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg. Geld ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Es schafft Möglichkeiten, Sicherheit und Entwicklung.
Doch wenn Geld zum alleinigen Maßstab wird, geraten leicht jene Werte aus dem Blick, auf denen jede Zukunft eigentlich aufbaut:
Vertrauen.
Zusammenhalt.
Sinn.
Kreativität.
Mut.
Der unsichtbare Krieg
Wir leben in einer Zeit permanenter Verunsicherung.
Nicht durch einen Krieg, den wir sehen können.
Sondern durch wirtschaftliche Unsicherheit, geopolitische Spannungen, technologische Umbrüche und eine Flut von Informationen, die uns täglich erreicht.
Die Auswirkungen sind real.
Viele Menschen fühlen sich erschöpft.
Sie zweifeln an ihrer Wirksamkeit.
An ihrem Selbstwert.
An ihrer Fähigkeit, das eigene Leben noch gestalten zu können.
Genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.
Nicht nur wirtschaftlich.
Sondern menschlich.
Woher kommt Hoffnung?
Diese Frage beschäftigt mich seit Langem.
Und sie führt mich immer wieder zu Hermann Hesse.
Auch Hermann Hesse lebte in einer Epoche tiefgreifender Umbrüche. Die beiden Weltkriege, gesellschaftliche Spannungen und persönliche Krisen prägten sein Leben nachhaltig. Er selbst durchlebte Phasen tiefer Erschütterung, suchte therapeutische Hilfe und setzte sich intensiv mit Fragen nach Identität, Sinn und innerer Orientierung auseinander. Gerade deshalb besitzen seine Werke bis heute eine besondere Kraft: Sie geben keine einfachen Antworten, sondern zeigen, dass Krisen zum Menschsein gehören und dass Orientierung oft erst im bewussten Durchleben von Unsicherheit entsteht.
Hesses Texte laden nicht zur Flucht aus der Wirklichkeit ein.
Sie laden dazu ein, ihr bewusst zu begegnen.
Sie erinnern daran, dass Entwicklung fast immer durch Krisen hindurch geschieht.
Dass Zuversicht keine Naivität ist.
Und dass Hoffnung eine Entscheidung sein kann.
Gerade deshalb erscheint mir Hermann Hesse heute aktueller denn je.
Orientierung in bewegten Zeiten
Aus dieser Überzeugung heraus ist der Hermann-Hesse-Besinnungsweg entstanden.
Ebenso der Literatursommer 2026 gemeinsam mit der Volkshochschule Laupheim.
Nicht aus Nostalgie.
Sondern aus der Überzeugung, dass Literatur Orientierung geben kann, wenn Orientierung verloren geht.
Dass Gedanken Kraft schenken können.
Dass Gespräche verbinden.
Und dass Kultur mehr sein kann als Unterhaltung.
Sie kann Halt geben.
Vielleicht beginnt Zukunft genau hier
Vielleicht stehen wir tatsächlich vor einem tiefgreifenden Wandel.
Vielleicht werden wir Wirtschaft, Arbeit und Zusammenleben neu denken müssen.
Vielleicht entstehen gerade jetzt die Ideen, die wir in einigen Jahren selbstverständlich finden werden.
Doch eines sollten wir dabei nicht vergessen:
Die Menschen sind da.
Ihre Fähigkeiten sind da.
Ihre Erfahrung ist da.
Ihre Kreativität ist da.
Und ihre Sehnsucht nach einem guten Leben ebenfalls.
Vielleicht ist genau das der Anfang jeder Zukunft.
Nicht die Angst.
Sondern das Vertrauen in das, was bereits vorhanden ist.
Und vielleicht beginnt Hoffnung immer dort, wo Menschen sich wieder daran erinnern, dass sie mehr sind als ihre Sorgen.
