Eine quellenkritische Untersuchung im Kontext der vierten Lebensphase der Kairologie
Zusammenfassung
Die Freundschaft zwischen Hermann Hesse (1877–1962) und dem Ulmer Pädagogen und Literaturkenner Eugen Zeller (1871–1953) gilt in der bisherigen Darstellung vor allem seit ihrer persönlichen Begegnung im April 1904 als dokumentiert. Neu zusammengeführte Quellen legen jedoch nahe, dass die Verbindung zwischen beiden älter war. Besonders bedeutsam ist eine biografische Aufzeichnung von Zellers Tochter Gudrun Kneer-Zeller. Danach hatte Karl Isenberg, Hesses älterer Halbbruder und Studienkollege Zellers in Tübingen, diesem bereits während der Studienzeit Gedichte Hesses zur Beurteilung vorgelegt. Aus dieser Zeit habe, so die Aufzeichnung ausdrücklich, ein Briefwechsel zwischen Zeller und Hesse bestanden, bevor es zur persönlichen Begegnung kam.
Diese Überlieferung wird durch zwei weitere, voneinander unabhängige Quellen zumindest in ihrem Kern gestützt: Eugen Zellers eigenen Rückblick von 1925 und einen Gedenkartikel der Schwäbischen Donau-Zeitung von 1961. Gleichzeitig steht sie in Spannung zum heute archivalisch nachweisbaren Briefbestand: Das Schweizerische Literaturarchiv verzeichnet 114 Schreiben Zellers an Hesse erst für den Zeitraum 1904 bis 1953. (EAD)
Der Befund erhält eine zusätzliche Bedeutung, wenn er im Rahmen des kairologischen Lebensphasenmodells betrachtet wird. Hesse befand sich bis zum Alter von 25 Jahren und sechs Monaten in dessen vierter Lebensphase, deren Entwicklungsaufgabe insbesondere im Erkennen, Erproben und Vertrauen in die eigenen Stärken liegt. Die positive Beurteilung seiner Gedichte durch eine ältere, literarisch kompetente Autorität wie Zeller könnte als biografisches Beispiel für einen solchen Resonanz- und Bestätigungsprozess gelesen werden.
1. Hermann Hesse und Eugen Zeller: die gesicherten Eckdaten
Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 geboren. Eugen Zeller kam am 6. Juli 1871 zur Welt und war damit ziemlich genau sechs Jahre älter als Hesse. Nach den Aufzeichnungen seiner Tochter besuchte Zeller das humanistische Gymnasium, absolvierte eine einjährige Militärzeit und trat anschließend in das Tübinger Stift ein. Zunächst studierte er Theologie. Nach vier Semestern wechselte er unter dem Einfluss unter anderem Kierkegaards und Christoph Schrempfs zur Neuphilologie mit Deutsch, Philosophie, Französisch und Englisch.
Etwa 1898 legte Zeller sein Staats- und Professorsexamen ab. Nach Stationen in Stuttgart und Göppingen wurde er 1900 als Professor nach Ulm an das Realgymnasium und die Oberrealschule versetzt.
Für die Beziehung zu Hesse ist Karl Isenberg von zentraler Bedeutung. Isenberg war Hesses älterer Halbbruder. Die bereits untersuchten Tübinger Studentenverzeichnisse zeigen, dass Isenberg und Zeller sich zeitweise gleichzeitig im Umfeld des Tübinger Stifts befanden. Es handelt sich damit nicht lediglich um eine spätere Vermutung einer zufälligen Bekanntschaft: Für eine persönliche Bekanntschaft zwischen Isenberg und Zeller existiert ein konkreter biografischer Kontext.
Später begegnen sich ihre Lebenswege erneut in Ulm. Zeller trat 1900 seine Stelle am Realgymnasium an. Isenberg war ebenfalls Lehrer in Ulm. Die beiden arbeiteten zwar institutionell an unterschiedlichen Schulen, jedoch im selben großen Schulkomplex an der Olgastraße. Auch deshalb ist eine Fortsetzung beziehungsweise Wiederaufnahme ihrer Tübinger Bekanntschaft plausibel.
2. Die entscheidende Quelle: Gudrun Kneer-Zeller
Von besonderer Bedeutung ist die Aufzeichnung von Gudrun Kneer-Zeller, der 1902 geborenen Tochter Eugen Zellers. Die vorliegende Fassung bezeichnet sie ausdrücklich als „Aufzeichnung von Gudrun Kneer-Zeller Tochter von Eugen Zeller“.
Darin findet sich eine für die Hesse-Forschung bemerkenswerte Aussage:
„Während des Studiums brachte ihm ein Mitstudent Carl Issenberg, die Gedichte seines jüngeren, Stiefbruders Hermann Hesse zur Beurteilung.“
Noch bedeutender ist der unmittelbar anschließende Satz:
„Von dieser Zeit an stammt ein Briefwechsel mit H.H., dem dann auf Hesses ‚Nürnberger Reise‘ – ein persönliches Kennenlernen folgte.“
Damit beschreibt Gudrun Kneer-Zeller eine eindeutige Abfolge:
Karl Isenberg → Gedichte Hermann Hesses → Eugen Zeller → Beurteilung der Gedichte → Briefwechsel Hesse–Zeller → spätere persönliche Begegnung.
Diese Quelle ist für die neue These zentral.
Sie besagt gerade nicht, dass Hesse und Zeller bereits während der Studienzeit Zellers persönlich zusammentrafen. Sie unterscheidet ausdrücklich zwischen einem vorausgehenden schriftlichen Kontakt und dem späteren „persönlichen Kennenlernen“.
Damit ist es möglich, die bisherige Fragestellung wesentlich präziser zu formulieren:
Nicht eine persönliche Begegnung vor 1904 muss nachgewiesen werden. Entscheidend ist die Frage, ob eine Beziehung zwischen Hesse und Zeller – vermittelt über Hesses Gedichte und möglicherweise in Form eines Briefwechsels – bereits wesentlich früher bestanden hat.
3. Zellers eigener Rückblick von 1925
Eine zweite, besonders gewichtige Quelle stammt von Eugen Zeller selbst.
Anlässlich von Hesses Ulmer Lesung veröffentlichte er am 3. November 1925 in der Donauwacht den Beitrag „Hermann Hesse – zum Willkommen in Ulm“.
Zeller erinnert sich darin an ihre frühe Beziehung und schreibt an Hesse:
„Damals suchten Sie einen auf, von dem Sie zufällig gehört hatten, daß er Ihren Versen Interesse entgegen bringe.“
Diese Aussage ist quellenkritisch außerordentlich wichtig.
Sie belegt aus der Perspektive Zellers:
Erstens: Zeller kannte Hesses Verse bereits vor der persönlichen Begegnung.
Zweitens: Zeller hatte an diesen Versen Interesse gezeigt.
Drittens: Hesse hatte von diesem Interesse erfahren.
Viertens: Diese Information war für Hesse offenbar bedeutsam genug, Zeller aufzusuchen.
Zeller beschreibt anschließend selbst die Wirkung der Gedichte auf ihn. Der neue Klang der Verse und ihre „Schwermut melodischer Klage“ hätten ihm einen „außerordentlichen Eindruck“ gemacht. Er stellte Bezüge zu Lenau, Mörike und zur schwäbischen Romantik her.
Damit liegt eine Selbstzeugnisquelle Zellers vor, die den entscheidenden Kern der Familienüberlieferung bestätigt:
Zeller hatte Hesses dichterische Arbeit wahrgenommen und positiv bewertet, bevor beide sich persönlich begegneten.
Der Artikel von 1925 sagt allerdings nicht, auf welchem Weg Zeller die Verse erhalten beziehungsweise kennengelernt hatte. Insbesondere nennt Zeller in diesem Zusammenhang Karl Isenberg nicht.
Diese Lücke darf wissenschaftlich nicht durch eine Vermutung geschlossen werden.
4. Die dritte Quelle: der Gedenkartikel von 1961
Eine weitere bemerkenswerte Überlieferung findet sich in der Schwäbischen Donau-Zeitung, Nr. 152 vom 6. Juli 1961, anlässlich des 90. Geburtstags Eugen Zellers.
Dort wird ebenfalls berichtet, Zeller habe frühe Gedichte Hermann Hesses gelesen und für gut befunden – und zwar „noch ehe sie veröffentlicht wurden“.
Damit erscheint erneut dasselbe Grundmotiv:
Zeller → frühe Gedichte Hesses → positive Beurteilung → später langjährige Freundschaft.
Der Artikel enthält allerdings eine problematische Angabe. Danach habe Zeller Hesse „über seinen Vater“ kennengelernt.
Diese Aussage kann jedenfalls nicht ohne Weiteres Eugen Zellers Vater betreffen. Nach der Aufzeichnung Gudrun Kneer-Zellers starb dieser bereits, als Eugen Zeller sechs Jahre alt war.
Hier liegt deshalb entweder eine sprachliche Unklarheit, eine fehlerhafte Zuordnung oder ein Überlieferungsfehler des Zeitungsartikels vor.
Für die Rekonstruktion des Vermittlungsweges ist der Artikel von 1961 deshalb schwächer als die Aufzeichnung Gudrun Kneer-Zellers.
Für einen anderen Sachverhalt ist er jedoch wichtig:
Auch 1961 existierte die Überlieferung, dass Eugen Zeller frühe, noch unveröffentlichte Gedichte Hesses gekannt und positiv beurteilt habe.
5. Ein wichtiger Gegenbefund: das Schweizerische Literaturarchiv
Eine wissenschaftliche Darstellung muss allerdings einen Befund berücksichtigen, der gegen eine vorschnelle Datierung des Briefwechsels spricht.
Das Schweizerische Literaturarchiv verzeichnet unter der Signatur Ms-L-83-Zeller-Eugen die Korrespondenz:
„Zeller, Eugen an Hesse, Hermann; Korrespondenz | Ulm; Göppingen; Schorndorf | 1904–1953 | 114 Br. + Beil.“ (EAD)
Das ist bedeutsam.
Der heute dort nachgewiesene Bestand beginnt 1904, nicht in den 1890er Jahren.
Damit haben wir eine Diskrepanz:
Familienüberlieferung: Briefwechsel bereits nach der frühen Gedichtbegutachtung.
Heute archivalisch nachweisbarer Bestand: Zeller → Hesse ab 1904.
Das widerlegt Gudrun Kneer-Zellers Aussage allerdings nicht automatisch. Frühe Briefe könnten verloren gegangen sein oder sich in einem anderen Bestand befinden. Die Familienaufzeichnung berichtet selbst von erheblichen Verlusten beim Luftangriff vom 17. Dezember 1944. Danach seien frühe Briefe Hesses verbrannt.
Auch für die spätere Beziehung hatte dieser Angriff einschneidende Folgen. Gudrun Kneer-Zeller berichtet, dass Hesse der ausgebombten Familie aus der Schweiz Pakete, Briefe und zahlreiche Drucksachen sandte.
6. Das persönliche Kennenlernen 1904
Die bisherige Hesse-Ulm-Forschung setzt die erste persönliche Begegnung von Hesse und Zeller im April 1904 an.
Jan Haag und Bernd Michael Köhler beschreiben Zellers Donauwacht-Artikel von 1925 ausdrücklich als Rückblick auf den „ersten gemeinsam in Ulm verbrachten Tag im April 1904“. (C O N = L I B R I)
Eine weitere Quelle verschärft allerdings das Problem für unsere neue These: In einer Veröffentlichung der Museumsgesellschaft Ulm wird ein Brief Zellers vom 2. Juli 1947 an Hesse zitiert:
„Im Jahre 1904 habe ich Sie zum erstenmal gesehen“
Die Autoren beziehen dies auf den Abend im April 1904. (Museumsgesellschaft Ulm)
Das ist eigentlich sehr hilfreich, denn es bestätigt unsere notwendige Unterscheidung:
„kennen“ ist nicht gleich „gesehen haben“.
Es ist durchaus möglich, dass Zeller Hesses Gedichte kannte, Hesse von Zellers Urteil wusste und möglicherweise bereits ein Briefwechsel bestand, ohne dass sich beide persönlich begegnet waren.
Damit widerspricht Zellers Aussage von 1947 der neuen These nicht, solange diese korrekt formuliert wird.
7. Die Chronologie
Aus den bislang vorliegenden Quellen ergibt sich folgende Rekonstruktion:
| Zeitpunkt | Hesse | Zeller | Befund |
|---|---|---|---|
| 2. Juli 1877 | Geburt | 6 Jahre | Hermann Hesse wird geboren |
| ab 1890 | 13 Jahre | 19 Jahre | Zeller studiert in Tübingen; zeitliche Überschneidung mit Karl Isenberg |
| 1890er Jahre | Jugendlicher | Anfang/Mitte 20 | Nach Gudrun Kneer-Zeller übergibt Isenberg Zeller Gedichte Hesses |
| ca. 1898 | 20/21 | 26/27 | Zeller legt Staats-/Professorsexamen ab |
| 1900 | 22/23 | 28/29 | Zeller kommt als Professor nach Ulm |
| 1901 | 23/24 | 29/30 | Hesse hält sich bei seinem Halbbruder Karl Isenberg in Ulm auf; eine Begegnung mit Zeller ist bislang nicht belegt |
| 2. Jan. 1903 | 25 J. 6 Mon. | 31 | Ende von Hesses L4 nach dem Kairos-Modell |
| April 1904 | 26 J. 9 Mon. | 32 | erste bislang belegte persönliche Begegnung Hesse–Zeller |
| 1904–1953 | 26–76 | 32–82 | archivalisch belegte Korrespondenz Zeller → Hesse, 114 Briefe/Beilagen (EAD) |
| 3. Nov. 1925 | 48 | 54 | Zeller erinnert öffentlich an Hesses frühe Verse und dessen ersten Besuch |
| 2. Juli 1947 | 70 | 75 | Zeller schreibt rückblickend: „Im Jahre 1904 habe ich Sie zum erstenmal gesehen“ (Museumsgesellschaft Ulm) |
| 15. Sept. 1953 | 76 | 82 | Tod Eugen Zellers laut der korrigierenden Anmerkung im Lebenslauf |
| 6. Juli 1961 | 84 | – | Gedenkartikel überliefert erneut die Begutachtung früher Hesse-Gedichte |
8. Die entscheidende Altersgrenze: 25 Jahre und sechs Monate
Hier kommt die Kairologie ins Spiel.
Nach dem von Gerd Xeller verwendeten Modell endet die vierte Lebensphase (L4) im Alter von 25 Jahren und sechs Monaten.
Für Hermann Hesse bedeutet dies rechnerisch:
Geburt: 2. Juli 1877
+ 25 Jahre: 2. Juli 1902
+ 6 Monate: 2. Januar 1903
Die entscheidende historische Frage lautet daher nicht:
Hat Hesse Eugen Zeller vor dem 2. Januar 1903 persönlich getroffen?
Dafür gibt es bislang keinen Beleg.
Die wissenschaftlich interessantere Frage lautet:
Kann nachgewiesen oder zumindest quellenmäßig begründet werden, dass Zeller vor dem 2. Januar 1903 Hesses dichterische Begabung wahrgenommen und Hesse von dieser positiven Beurteilung erfahren hatte?
Hierfür liegen inzwischen gewichtige Indizien vor.
9. Lebensphase 4: die Entdeckung der eigenen Stärke
Die vierte Lebensphase besitzt im kairologischen Modell eine besondere Entwicklungsaufgabe. Im Bereich der Selbstentfaltung geht es um „Vertraue dir“, im Bereich der Lebensentfaltung um „Erprobe!“.
Auf Hesse übertragen entsteht eine bemerkenswerte Konstellation.
Der junge Hesse befindet sich in einer Lebensphase, in der eine zentrale Entwicklungsaufgabe darin besteht,
eigene Fähigkeiten zu erproben, eine persönliche Stärke zu entdecken, Resonanz darauf zu erhalten und schließlich dieser eigenen Stärke zu vertrauen.
Genau an dieser Stelle bekommt Eugen Zeller biografische Bedeutung.
Zeller war sechs Jahre älter als Hesse, akademisch ausgebildet und beschäftigte sich professionell mit Deutsch, Philosophie sowie französischer und englischer Literatur.
Für einen jungen, noch nicht etablierten Dichter konnte sein Urteil deshalb Gewicht besitzen.
Nach der Familienüberlieferung gelangten Hesses Gedichte über Karl Isenberg zu Zeller. Zeller sollte sie ausdrücklich „zur Beurteilung“ lesen.
Damit liegt geradezu eine klassische Situation externer Resonanz vor:
Eine vorhandene Begabung wird erprobt → einer kompetenten Person vorgelegt → diese erkennt die Qualität → der junge Mensch erfährt Bestätigung seiner Stärke.
10. Was Zeller tatsächlich in Hesse erkannte
Besonders wertvoll ist deshalb Zellers Rückblick von 1925.
Er erinnert sich nicht lediglich daran, Hesse irgendwann kennengelernt zu haben. Er erinnert sich ausdrücklich an die Wirkung von Hesses Versen.
Die Verse hätten ihm einen „außerordentlichen Eindruck“ gemacht. Zeller nahm darin einen neuen Klang wahr und stellte Hesse in eine literarische Traditionslinie mit Lenau, Mörike und der Romantik.
Das ist für die kairologische Interpretation wesentlich.
Zeller sagt dem jungen Hesse nicht:
„Du musst Dichter werden.“
Jedenfalls besitzen wir dafür bislang keinen Beleg.
Was die Quellen aber zeigen, ist subtiler und möglicherweise biografisch bedeutsamer:
Zeller erkennt etwas, das in Hesse bereits vorhanden ist.
Das entspricht sehr genau dem Gedanken von L4.
Die Stärke wird nicht von außen erzeugt. Die Autorität verleiht dem jungen Menschen nicht seine Begabung. Vielmehr erfährt dieser durch die Reaktion eines anderen:
Das, was ich in mir wahrnehme und erprobe, wird auch von außen als besondere Fähigkeit erkannt.
Aus Erprobung kann dadurch Selbstvertrauen entstehen.
11. Hesse als Fallbeispiel für „Vertraue dir“
Damit lässt sich eine bemerkenswerte Entwicklungssequenz formulieren:
Hesse schreibt.
↓
Seine Gedichte werden einer fachlich kompetenten Person vorgelegt.
↓
Eugen Zeller erkennt ihre Qualität.
↓
Hesse erfährt von Zellers Interesse an seinen Versen.
↓
Möglicherweise entsteht bereits ein Briefwechsel.
↓
Hesse sucht Zeller später persönlich auf.
↓
Aus der frühen Anerkennung entwickelt sich eine jahrzehntelange Freundschaft.
Die Dauer dieser Beziehung ist bemerkenswert. Das Schweizerische Literaturarchiv besitzt allein 114 Briefe und Beilagen Zellers an Hesse aus den Jahren 1904 bis 1953. (EAD)
Die Beziehung endete also keineswegs mit einer einmaligen literarischen Begutachtung.
Noch nach der Zerstörung von Zellers Haus im Dezember 1944 unterstützte Hesse den Freund mit Paketen, Briefen und Drucksachen.
12. Was ist bewiesen – und was bleibt Hypothese?
Für einen wissenschaftlichen Artikel ist diese Trennung entscheidend.
Sehr gut beziehungsweise unmittelbar belegt
1. Karl Isenberg und Eugen Zeller hatten einen gemeinsamen Tübinger Kontext.
2. Gudrun Kneer-Zeller überliefert ausdrücklich, dass Isenberg Zeller Gedichte Hesses „zur Beurteilung“ gab.
3. Dieselbe Quelle behauptet ausdrücklich einen daraus entstandenen Briefwechsel Hesse–Zeller vor dem persönlichen Kennenlernen.
4. Eugen Zeller selbst bestätigt 1925, Hesse habe bereits vor ihrem persönlichen Kontakt von Zellers Interesse an seinen Versen erfahren.
5. Zeller bezeichnet die Wirkung der frühen Verse auf ihn als außerordentlich.
6. Zeller schreibt 1947 ausdrücklich, er habe Hesse 1904 zum ersten Mal „gesehen“. (Museumsgesellschaft Ulm)
7. Die erhaltene Zeller-Hesse-Korrespondenz im Schweizerischen Literaturarchiv umfasst 114 Briefe/Beilagen und setzt nach dessen Katalog derzeit 1904 ein. (EAD)
Plausibel, aber noch nicht abschließend bewiesen
Dass der von Gudrun Kneer-Zeller erwähnte Briefwechsel nachweislich vor dem 2. Januar 1903 begonnen hat.
Die Familienaufzeichnung legt dies nahe, weil sie die Gedichtübergabe in Zellers Studienzeit verlegt. Der entsprechende frühe Brief selbst liegt uns jedoch bislang nicht vor.
Derzeit nicht belegt
Eine persönliche Begegnung Hesses mit Zeller vor April 1904.
Dafür spricht sogar Zellers eigener Brief von 1947 eher dagegen: Er habe Hesse 1904 „zum erstenmal gesehen“. (Museumsgesellschaft Ulm)
13. Quellenkritische Neubewertung
Damit ergibt sich gegenüber der bisherigen Darstellung eine wichtige Präzisierung.
Die bisherige Forschung beschreibt April 1904 als Beginn der lebenslangen Freundschaft. Eine Veröffentlichung der Museumsgesellschaft formuliert entsprechend, an einem Abend im April 1904 habe diese Freundschaft begonnen. (Museumsgesellschaft Ulm) Auch Haag und Köhler behandeln den April 1904 als ersten gemeinsam in Ulm verbrachten Tag. (C O N = L I B R I)
Das ist hinsichtlich der persönlichen Begegnung weiterhin überzeugend.
Aber:
April 1904 muss nicht der Beginn der Beziehungsgeschichte Hesse–Zeller gewesen sein.
Die Aufzeichnung Gudrun Kneer-Zellers legt eine Vorgeschichte nahe.
Und Zellers eigener Text von 1925 beweist zumindest, dass eine solche Vorgeschichte existierte: Hesse wusste vor dem Besuch, dass Zeller Interesse an seinen Versen hatte.
Die Frage verschiebt sich damit von:
„Wann trafen sich Hesse und Zeller erstmals?“
zu:
„Wann und auf welchem Weg erfuhr Hesse erstmals von Zellers positiver Beurteilung seiner Gedichte?“
Das ist die eigentlich offene Forschungsfrage.
14. Bedeutung für die Kairologie
Aus Sicht der Kairologie ist gerade diese Verschiebung entscheidend.
Für die L4-Hypothese ist es nicht erforderlich, dass Hesse Eugen Zeller persönlich getroffen hatte.
Entscheidend ist die Resonanz.
Wenn sich bestätigen lässt, dass Hesse noch vor dem Ende seiner vierten Lebensphase am 2. Januar 1903 von Zellers positiver Beurteilung seiner dichterischen Fähigkeiten wusste, hätten wir ein bemerkenswertes biografisches Ereignis genau innerhalb jener Lebensphase, deren Entwicklungsaufgabe mit „Vertraue dir“ und „Erprobe!“ beschrieben wird.
Dann ließe sich die Hypothese formulieren:
In seiner vierten Lebensphase erhielt Hermann Hesse durch Eugen Zeller eine fachlich bedeutsame Resonanz auf eine seiner zentralen persönlichen Stärken: seine dichterische Begabung. Der junge Hesse erprobte diese Fähigkeit durch das Schreiben von Gedichten; Zeller erkannte deren Qualität und gab eine positive Rückmeldung. Die von Gudrun Kneer-Zeller überlieferte Entstehung eines Briefwechsels deutet darauf hin, dass diese Anerkennung Hesse erreichte. Damit weist die Episode eine auffällige Übereinstimmung mit der kairologischen Entwicklungsaufgabe der vierten Lebensphase auf: Eine eigene Stärke wird in der Begegnung mit der Welt erkannt, erprobt und durch die Resonanz einer anerkannten Autorität bestätigt.
15. Ergebnis
Die zusammengeführten Quellen verändern das Bild der Beziehung zwischen Hermann Hesse und Eugen Zeller.
Die persönliche Begegnung im April 1904 bleibt nach gegenwärtigem Kenntnisstand die erste belegte persönliche Begegnung. Zellers Brief von 1947 unterstützt dies ausdrücklich. (Museumsgesellschaft Ulm)
Doch die Beziehungsgeschichte beginnt offenbar vorher.
Gudrun Kneer-Zeller überliefert eine Gedichtbegutachtung durch ihren Vater auf Vermittlung Karl Isenbergs und anschließend einen Briefwechsel mit Hermann Hesse. Zellers eigener Rückblick von 1925 bestätigt unabhängig davon, dass er Hesses Verse bereits kannte und Hesse vor dem persönlichen Treffen von seinem Interesse an diesen Versen erfahren hatte. Der Gedenkartikel von 1961 bewahrt wiederum die Tradition einer positiven Beurteilung früher, angeblich noch unveröffentlichter Hesse-Gedichte.
Damit verdichten sich drei Überlieferungen um denselben historischen Kern, auch wenn sie in Einzelheiten voneinander abweichen.
Für die Kairologie entsteht daraus ein bemerkenswertes Fallbeispiel. Hermann Hesse befand sich bis zum 2. Januar 1903, seinem Alter von 25 Jahren und sechs Monaten, in der vierten Lebensphase. Wenn die von Gudrun Kneer-Zeller überlieferte Datierung des frühen Kontakts zutrifft, erhielt Hesse innerhalb dieser Phase eine bedeutsame Bestätigung gerade jener Stärke, die sein weiteres Leben bestimmen sollte: seiner Fähigkeit als Dichter.
Das ist kein Beweis für die Gültigkeit des gesamten kairologischen Lebensphasenmodells. Wissenschaftlich zulässig ist jedoch die Feststellung einer bemerkenswerten biografischen Korrespondenz zwischen Modell und historischem Befund.
Und genau deshalb ist die noch offene Frage nach den frühesten Hesse-Zeller-Briefen beziehungsweise Karl Isenbergs Briefen an Hesse so wichtig. Ein datierbarer Beleg vor dem 2. Januar 1903, in dem Zeller, seine Beurteilung der Gedichte oder die Weitergabe dieser Beurteilung erwähnt wird, würde aus der derzeit sehr gut begründeten Hypothese einen wesentlich stärkeren historischen Nachweis machen.
