Die Autobahn der Technik
und warum wir manchmal die kurvige Straße brauchen
Als Jugendlicher war ich mit meinen Eltern in den Cinque Terre in Italien unterwegs. Wer diese Gegend kennt, weiß: Die Orte liegen an steilen Hängen über dem Meer. Wenn man von unten wieder hinauf zur Straße will, muss man sich über eine schmale, kurvige Bergstraße nach oben arbeiten.

Das dauert.
Es ist langsam.
Und gleichzeitig ist es wunderschön.
Mit jeder Kurve öffnet sich ein neuer Blick aufs Meer. Die Landschaft verändert sich. Mal tauchen Häuser zwischen den Felsen auf, mal Weinberge, mal wieder das offene Wasser. Man fährt nicht einfach – man erlebt.
Während ich damals aus dem Fenster schaute, fiel mein Blick immer wieder auf die Leitplanke am Rand der Straße. Und plötzlich kam mir ein Gedanke:
Wenn hier eine schnelle Autobahn wäre, würde man all das nicht sehen.
Man wäre schneller oben. Aber etwas Wesentliches wäre verschwunden.
Der Weg wäre nur noch eine Verbindung zwischen zwei Punkten.
Wenn der Weg nur noch Mittel zum Zweck ist
Die Autobahn ist ein starkes Bild für die moderne Technik. Sie optimiert das Ziel: schneller von A nach B zu kommen.
Doch sie verändert auch unsere Erfahrung.
Auf der Autobahn gibt es kaum noch Begegnungen mit Orten, Landschaften oder Menschen. Man fährt vorbei. Alles wird zum Durchgangsraum. Die Landschaft wird zur Kulisse, die man höchstens noch im Augenwinkel wahrnimmt.
Die kurvige Straße dagegen zwingt zur Langsamkeit. Sie verlangt Aufmerksamkeit. Sie eröffnet Perspektiven.
Was damals ein intuitiver Gedanke eines Jugendlichen war, hat mich später an einen philosophischen Text erinnert, der heute erstaunlich aktuell ist.
Die Rede ist von dem Aufsatz „Die Frage nach der Technik“ von Martin Heidegger aus dem Jahr 1954.
Die eigentliche Frage nach der Technik
Heidegger stellt eine überraschende These auf. Technik ist für ihn nicht einfach nur ein Werkzeug oder eine Maschine.
Technik ist eine Art, wie wir die Welt betrachten.
Die moderne Technik bringt eine bestimmte Haltung hervor: Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Nutzbarkeit gesehen.
Der Wald wird zum Holzlieferanten.
Der Fluss zur Energiequelle.
Die Erde zum Rohstofflager.
Heidegger nennt das „Bestand“.
Die Dinge erscheinen nicht mehr einfach als das, was sie sind. Sie erscheinen als Ressourcen – als etwas, das bereitsteht, um genutzt zu werden.
Die Struktur, die diese Sichtweise hervorbringt, nennt Heidegger „Gestell“.
Das Gestell richtet unsere Wahrnehmung darauf aus, alles verfügbar zu machen: berechenbar, planbar, nutzbar.
Damit verändert sich unser Verhältnis zur Welt.
Entbergen – wenn sich Welt zeigt
Heidegger beschreibt Wahrheit als ein „Entbergen“.
Das bedeutet: Dinge zeigen sich uns.
Eine Landschaft zeigt sich anders, wenn wir sie langsam durchwandern, als wenn wir sie nur durch ein Zugfenster sehen. Ein Berg zeigt sich anders, wenn wir ihn besteigen, als wenn wir durch einen Tunnel fahren.
Technik kann dieses Entbergen unterstützen – oder verdecken.
Die kurvige Straße in den Cinque Terre ist ein gutes Beispiel dafür. Sie eröffnet immer neue Perspektiven. Sie lässt die Landschaft erscheinen.
Die Autobahn dagegen reduziert den Raum auf eine Funktion: möglichst effizient von A nach B zu gelangen.
Die Gegenwart: Künstliche Intelligenz
Heute stehen wir vor einer neuen technologischen Entwicklung, deren Dynamik noch einmal deutlich größer ist: Künstliche Intelligenz.
KI verändert bereits heute viele Bereiche unseres Lebens:
- wie wir arbeiten
- wie wir Entscheidungen treffen
- wie wir Informationen finden
- wie Organisationen funktionieren
Gleichzeitig verstärkt sie eine Tendenz, die Heidegger bereits beschrieben hat: die Welt immer stärker in Daten, Prozesse und Effizienz zu übersetzen.
Menschen werden zu Datensätzen.
Aufmerksamkeit wird zur Ressource.
Arbeit wird zum Optimierungsprozess.
Die Herausforderung liegt deshalb nicht nur in der Technologie selbst.
Die Herausforderung liegt darin, wie wir mit ihr umgehen.
Die Polarität zwischen Technologie und Menschlichkeit
Wir stehen heute in einer grundlegenden Spannung.
Auf der einen Seite erleben wir eine rasante, teilweise exponentielle Entwicklung technologischer Möglichkeiten. Auf der anderen Seite wächst das Bedürfnis nach Orientierung, Sinn und menschlicher Erfahrung.
Diese Spannung ist keine Fehlentwicklung. Sie ist eine Polarität.
Technologie eröffnet Möglichkeiten.
Menschlichkeit gibt ihnen Richtung.
Wenn wir diese Balance verlieren, entsteht eine Welt, in der Effizienz das einzige Maß wird.
Wenn wir sie bewusst gestalten, können Technologie und menschliche Erfahrung einander ergänzen.
Die eigentliche Aufgabe unserer Zeit
Heidegger war kein Technikgegner. Ihm ging es um Bewusstheit.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
„Sollten wir Technik nutzen?“
Die eigentliche Frage lautet:
Wie bleiben wir offen für das, was sich zeigt – jenseits der reinen Nutzbarkeit?
Oder einfacher gesagt:
Sehen wir die Welt noch – oder fahren wir nur noch durch sie hindurch?
Eine Einladung zur Auseinandersetzung
Diese Fragen beschäftigen mich seit vielen Jahren.
In meiner Vorlesung „KI und Wandel der Arbeitswelt“ an der Hochschule Neu-Ulm setzen wir uns intensiv mit diesen Entwicklungen auseinander. Dabei geht es nicht nur um technologische Möglichkeiten, sondern auch um die kulturellen und philosophischen Grundlagen unseres Umgangs mit Technik.
Auch in meinem neu erschienenen Buch greife ich diese Fragen auf und versuche, eine Orientierung in dieser Zeit des tiefgreifenden Wandels zu geben.
Veranstaltung am Technologietransferzentrum Leipheim
Wer sich intensiver mit diesen Themen beschäftigen möchte, ist herzlich eingeladen zu einer Veranstaltung am
Donnerstag, 23. April 2024 16 – 18 Uhr
Technologietransferzentrum der Hochschule Neu-Ulm (TTZ) in Leipheim
Im Mittelpunkt steht die Frage:
Wie können wir die Polarität zwischen Technologie und Menschlichkeit in eine neue Balance bringen?
Wir werden uns unter anderem mit folgenden Themen beschäftigen:
- die exponentielle Entwicklung von KI
- Auswirkungen auf Arbeit und Führung
- philosophische Perspektiven auf Technik
- praktische Ansätze für einen verantwortungsvollen Umgang mit Technologie
Die Veranstaltung richtet sich an Führungskräfte, Unternehmer, Studierende und alle, die sich mit der Zukunft von Arbeit und Technologie auseinandersetzen möchten.
Die kurvige Straße als Erinnerung
Die kurvige Straße in den Cinque Terre ist für mich zu einem Bild geworden.
Sie erinnert daran, dass nicht alles beschleunigt werden muss.
Manchmal entsteht Bedeutung gerade durch das Langsame.
Durch den Umweg.
Durch das Innehalten.
Die Technik kann uns schneller machen.
Doch die entscheidende Frage bleibt:
Wofür nutzen wir diese Geschwindigkeit?
Vielleicht besteht die Aufgabe unserer Zeit genau darin, beides miteinander zu verbinden:
die Möglichkeiten der Technologie
und die Tiefe menschlicher Erfahrung.
