Gedanken zum Neujahrsempfang 2026 – und zu einem Text von 1956, der erschreckend aktuell bleibt

Der Neujahrsempfang ist normalerweise ein Abend der guten Worte: Rückblick, Dank, Ausblick. Ein gesellschaftlicher Moment, der verbinden soll. Umso bemerkenswerter war der Ton des Neujahrsempfangs 2026 in Laupheim, ausgerichtet von Stadt und Hubschraubergeschwader 64.

Der Artikel der Schwäbischen Zeitung vom 16. Januar 2026 trägt eine Überschrift, die keine Missverständnisse zulässt: „Bundeswehr warnt vor Gefahr aus Russland“. Und tatsächlich: Die Reden und die Diskussion standen nicht unter dem Zeichen feierlicher Leichtigkeit, sondern unter dem Eindruck einer Lage, die als ernst, dynamisch und potenziell bedrohlich beschrieben wurde.

Oberbürgermeister Ingo Bergmann sprach von einer Welt, die unruhiger geworden sei – und davon, dass geopolitische Konflikte und gesellschaftliche Polarisierung bis in den Alltag der Menschen wirken. Kapitän zur See Michael Giss zeichnete ein „schonungsloses Lagebild“ und betonte die Notwendigkeit, verteidigungsfähig und verteidigungswillig zu sein. Oberst Sascha Bleihbohm verwies auf hybride Bedrohungen, auf technologische Entwicklungen und auf die Einschätzung, Russland könne ab etwa 2029 in der Lage sein, Nato-Mitgliedstaaten direkt anzugreifen.

Wer diese Aussagen liest, spürt sofort: Es geht nicht mehr um abstrakte Sicherheitspolitik. Es geht um eine Grundfrage unserer Zeit:
Wie lebt man in einer Welt, die sich wieder mit Krieg, Bedrohung und Abschreckung beschäftigt – ohne innerlich zu verhärten?

Und genau an dieser Stelle lohnt es sich, Hermann Hesse zu lesen.

Ein Text aus Montagnola, 1956 – und eine Stimme, die heute wieder spricht

Hermann Hesse schrieb im Februar 1956 in Montagnola einen Brief, der als Zeitungsausschnitt in der Stuttgarter Zeitung erschien: „Über den Krieg und das Böse in der Welt“. Es ist kein politisches Programm. Es ist auch kein naiver Friedensappell. Es ist ein Text über das menschliche Innenleben im Angesicht von Gewalt – und über die schwierige Aufgabe, nicht selbst Teil dessen zu werden, was man ablehnt.

Hesse lehnt religiöse Dogmatik ab, ebenso die Vorstellung eines Gottes, der Weltgeschichte wie ein Planungsbüro steuert. Und doch beschreibt er einen Glauben – nicht als Ideologie, sondern als Ahnung: dass Liebe, Schönheit und Güte in der Welt möglich sind, obwohl die Weltgeschichte oft anderes beweist.

Sein Blick ist dabei schonungslos: Gewalt ist real. Macht ist real. Das Böse ist real. Aber er verschiebt den Fokus auf einen Punkt, der in öffentlichen Reden selten vorkommt:
Das Böse ist nicht nur „dort drüben“. Es ist auch in uns.

Diese Perspektive ist unbequem – und genau deshalb so wertvoll.

Der Neujahrsempfang: Resilienz als gesellschaftliche Pflicht

Der Artikel beschreibt den Neujahrsempfang als Abend „eindringlicher Appelle an gesellschaftlichen Zusammenhalt, Wehrhaftigkeit und zivilmilitärische Kooperation“. Das Thema lautete: „Zivilmilitärische Zusammenarbeit und Resilienz.“

Bergmann betonte, Resilienz entstehe nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung und Verantwortung. Das ist ein Satz, der sich mit Hesse überraschend gut verbinden lässt – denn Hesse würde vermutlich genau hier nachfragen:

Welche Haltung? Welche Verantwortung? Und was passiert innerlich mit einer Gesellschaft, wenn sie sich dauerhaft auf Krisen einstellt?

Resilienz kann man organisieren: Notfallpläne, Notfunk, Infrastruktur, Übungen.
Aber Resilienz ist auch etwas anderes: ein psychischer und moralischer Zustand.

Hesse würde wohl sagen: Eine Gesellschaft ist nicht resilient, wenn sie nur funktioniert.
Sie ist resilient, wenn sie in der Bedrohung nicht das Menschliche verliert.

Abschreckung und Kriegstüchtigkeit – und Hesses Warnung vor dem inneren Abrutschen

Kapitän zur See Michael Giss wird im Artikel mit dem Satz zitiert, Russland führe immer unverhohlener Krieg gegen Europa, Deutschland sei Ziel hybrider Angriffe. Er warnt davor, in Resignation zu verharren. Stattdessen gehe es darum, Demokratie und Heimat zu schützen. Der militärische Anteil bestehe in kriegstüchtigen, einsatzbereiten Streitkräften zur Abschreckung.

Das ist eine klare, funktionale Logik. Und sie ist – aus sicherheitspolitischer Sicht – nachvollziehbar.

Hesse würde an dieser Stelle vermutlich nicht mit einem einfachen „Dagegen!“ reagieren. Hesse war kein politischer Agitator. Aber er würde einen Satz hinzufügen, der in solchen Kontexten oft fehlt:

Die größte Gefahr ist nicht nur der äußere Angriff. Die größte Gefahr ist, dass wir innerlich verarmen, während wir uns schützen.

Denn wer Abschreckung denkt, denkt Macht.
Wer Macht denkt, berührt die dunklen Seiten des Menschen.
Und genau deshalb braucht es innere Disziplin.

Hesse schreibt nicht: „Das Böse ist besiegbar durch die richtige Strategie.“
Er schreibt sinngemäß: Das Böse ist in der Welt und in uns – und wir müssen hoffen, dass Einsicht und Liebe möglich bleiben.

Das ist nicht weich. Das ist radikal.

„Sie sind schon unter uns“ – der Satz, der eine Gesellschaft kippen kann

Im Artikel wird Michael Giss mit den Worten zitiert: „Sie sind schon unter uns.“ Gemeint sind hybride Angriffe, Sabotage, Einflussoperationen.

Solche Formulierungen haben eine Funktion: Sie sollen wach machen.
Aber sie haben auch eine Nebenwirkung: Sie können Misstrauen säen.

Und genau hier trifft der Neujahrsempfang – vielleicht unbeabsichtigt – auf Hesses zentralen Punkt:
Das Böse ist nicht nur eine fremde Macht. Es ist auch eine menschliche Möglichkeit.

Wenn wir beginnen, überall Feinde zu sehen, wenn wir Sprache und Denken vergiften, wenn wir den sozialen Raum mit Verdacht füllen, dann entsteht eine neue Art von Bedrohung: eine innere.

Hesse würde vermutlich sagen:
Wachsamkeit ist notwendig. Aber sie muss verbunden bleiben mit Menschlichkeit.
Sonst gewinnt das Böse, ohne dass ein Schuss fällt.

KI, autonome Systeme, Technologie – und die Frage: Wer führt hier wen?

Oberst Sascha Bleihbohm betont laut Artikel, KI, autonome Systeme und militärische Technologie seien entscheidend für die Handlungsfähigkeit Deutschlands. Europa dürfe diesen Wandel nicht verpassen. Die Bundeswehr solle zur stärksten konventionellen Armee Europas werden.

Auch hier gilt: Das ist eine nüchterne strategische Perspektive. Aber Hesse würde vermutlich einen anderen Akzent setzen – nicht gegen Technik, sondern gegen die Verwechslung von Mittel und Sinn:

Technologie kann schützen. Aber sie ersetzt keine Haltung.

Der Satz „Unsere Sicherheit beruht nicht allein auf Diplomatie, sondern auf glaubwürdiger Abschreckung, technologischer Stärke und gesellschaftlicher Resilienz“ enthält drei Ebenen. Hesse würde vermutlich die vierte hinzufügen:

innere Reife.

Denn wenn Technik wächst, ohne dass Menschlichkeit wächst, dann wird die Welt nicht sicherer, sondern nur effizienter gefährlich.

Hesse-Passage: Krieg, Böses – und die Möglichkeit von Einsicht und Liebe

Hier eine Passage aus Hesses Brief, die im Kontext des Neujahrsempfangs wie ein stiller Gegenpol wirkt:

„Das Böse ist in der Welt, es ist in uns, es scheint mit dem Leben untrennbar verbunden.
Trotzdem müssen wir denken, dass es möglich ist, dass wir es überwinden.
Dass wir Friedliebende uns nicht vom Bösen bestimmen lassen, so hoffen wir, dass auch dem andern die Möglichkeit bestehe, zur Einsicht und zur Liebe.“
(Hermann Hesse: „Über den Krieg und das Böse in der Welt“, Montagnola, Februar 1956. Quelle: Aus dem Nachlass Margarethe Heer Ravensburg, Zeitungsausschnitt Stuttgarter Zeitung, 18.02.1956.)

Das ist keine politische Handlungsanweisung.
Es ist eine innere Leitlinie.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, den unsere Zeit wieder braucht:
Nicht nur den Plan, sondern den Kompass.

Schluss: Resilienz heißt auch, das Menschliche zu verteidigen

Der Neujahrsempfang in Laupheim war ein Signal: Die Zeit der Selbstverständlichkeiten ist vorbei. Resilienz wird als Aufgabe beschrieben, zivilmilitärische Kooperation als Notwendigkeit, Abschreckung als strategische Realität.

Hermann Hesse würde diese Realität nicht romantisieren. Er würde sie nicht wegwünschen.
Aber er würde uns wahrscheinlich an etwas erinnern, das in keiner Rede fehlen sollte:

Man kann eine Demokratie nicht nur mit Mitteln verteidigen. Man muss sie auch im Inneren bewahren.
In Sprache. In Maß. In Würde. In Menschlichkeit.

Denn am Ende ist die Frage nicht nur, ob wir standhalten.
Die Frage ist, als wer wir standhalten.

Link zum Artikel Schwäbische Zeitung: „Sie sind schon unter uns“ – Bundeswehr-Kommandeur Giss über Bedrohungslage

Link zum Artikel von Hermann Hesse https://xeller.info/wp-content/uploads/2026/01/Artikel-Hermann-Hesse-18.2.1956-Stuttgarter-Zeitung.pdf